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Blu-Ray: "Freies Land"

Geschrieben von General M.


Freies Land 2019

                                                      Getestet und verfasst von General M 

                                                Quelle Bildmaterial: "©EuroVideo Medien GmbH. All rights reserved." 

                                               Ab sofort erhältlich als Blu-Ray und DVD

freies land blu ray 4009750302163 1Neue Grenzen. Alte Gesetze. Unter diesem Motto verlagert Regisseur Christian Alvart in Freies Land die Prämisse des spanischen Überraschungserfolges La isla mínima - Mörderland von 2014 in die Zeit kurz nach der deutschen Wiedervereinigung und schickt zwei ungleiche Ermittler auf die hochspannende Jagd nach einem Serienkiller. Das Ergebnis ist eine düstere, hervorragend gespielte Neuadaption geworden, welche sich ganz sicher nicht für schwache Nerven eignet. Für alle Mutigen, die dennoch einen Blick riskieren wollen, haben wir die frisch erschienene Blu-Ray umfangreich auf den Prüfstand geschickt. 



Der Film

Zwei Jahre nach der Wende zeigt sich bereits, dass das Wunder der deutschen Einheit nicht viel mehr ist als eine längst geplatzte Seifenblase. Armut, Arbeitslosigkeit und der Mangel an Perspektiven trifft die Bevölkerung des Ostens hart, besonders in ländlichen Gegenden wünschen sich nicht wenige Menschen den Sozialismus zurück und hängen der Zeit von Honecker und Co. wehmütig nach. Als in einem entlegenen Dorf zwei junge Schwestern spurlos verschwinden, werden die beiden Polizeikommisare Patrick Stein (Trystan Pütter, TKKG) und Markus Bach (Felix Kramer, Dogs of Berlin) mit der Suche betraut. Die beiden ungleichen Männer trennen optisch und ideologisch Welten voneinander. Der aus Hamburg strafversetzte Stein, dessen daheimgebliebene Frau in Kürze das erste Kind erwartet, sieht sich erstmals mit der allgegenwärtigen Trostlosigkeit im Osten konfrontiert und kommt zunächst nur schwer mit den rabiaten Ermittlungsmethoden seines  Kollegen zurecht, dem eine unrühmliche Vergangenheit bei der Stasi nachgesagt wird. 

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Vor Ort stoßen die Kommissare auf eine undurchdringbare Mauer des Schweigens. Niemand, nicht einmal die Eltern der Verschwundenen, wollen irgendetwas gesehen, gehört oder gewusst haben. Nur dass die Töchter wie viele andere Jugendliche im näheren Umfeld verzweifelt nach einem besseren Leben im Westen gestrebt haben. Dass sie dort aber nie angekommen sind, wird spätestens klar, als die schwer misshandelten Leichen der beiden Mädchen am Flussufer unweit des Dorfes angespült werden. Um den verantwortlichen Mörder, der wie sich herausstellt bereits weitere Opfer auf seinem Konto hat aufzuspüren, entschließen sich Bach und Stein zur vorläufigen Beilegung ihrer Differenzen. Erste Spuren führen zum bekannten Schönling und Frauenheld Charlie, der in der Vergangenheit immer wieder Mädchen mit einem aufregenden neuen Leben in der Hauptstadt geködert hat, sich aber ebenso wenig kooperativ zeigt wie der Rest der Dorfbewohner. Während sich die Ermittler in immer düstere Dimensionen vorarbeiten und sich dabei zusehens mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert sehen, hat der Killer bereits ein neues Opfer ins Auge gefasst...

Die Rezension

Obwohl Christian Alvart mit seiner Neuerzählung einer bereits bekannten Geschichte das Rad nicht neu erfindet, ist dem gebürtigen Hessener mit Freies Land ein extrem düsterer und beklemmender Kriminalthriller gelungen, der sich unter den gefühlt ewig verfinsterten Himmeln des von vierzig Jahren Sozialismus gebeutelten Ostdeutschlands mit quälender Gelassenheit entfaltet und schließlich in einem extrem spannenden Finale mündet. Diese Wirkung stellt sich allerdings nur ein, wenn man die Vorlage nicht kennt. Anderenfalls weiß man nämlich relativ genau, wie sich der Film entwickelt, was auch daran liegt, dass Alvart als mitverantwortlicher Drehbuchautor einen Großteil der Dialoge des Originals einfach übernommen hat. Ganz und gar einzigartig sind dafür die Bilder, welche den Zuschauer von Anfang an erbarmungslos in die überall spürbare Abbruchsstimmung einer wiedervereinten und doch weiterhin bis ins Mark zerrissenen Nation hineinziehen.

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Zwischen maroden Gebäuden, überwucherten Feldern und für ihren Kleinstlohn streikenden Arbeitern agieren Trystan Pütter und ganz besonders ein kaum wiederzuerkennender, grandios aufspielender Felix Kramer über zwei Stunden lang auf allerhöchstem Schauspielniveau. Letzterer hat mit Alvart bereits bei Dogs of Berlin zusammengearbeitet und sich für seine Rolle als genusssüchtiges Raubein ordentlich Speck auf die Hüften gefuttert. Aber nicht nur optisch passt sein Markus Bach perfekt in die damalige Stimmung der Menschen im Osten und deren Überforderung mit den neuen Möglichkeiten grenzenlosen Konsums. Hinter dieser dunklen, einschüchternen Stimme verbirgt sich ein Mensch, der nach Außen hin vor nichts Angst zu haben scheint, sich aber innerlich permanent vor seiner eigenen Vergangenheit fürchtet. Gegen diese Gesamtpräsenz kommt Schauspielkollege Pütter als etwas positiveres Element tatsächlich über zwei Stunden Spielzeit nie richtig an, muss sich aber ganz sicher auch nicht  dahinter verstecken. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte Nora von Waldstätten als leidgeprüfte Ehefrau.

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Der Clou des Films ist für mich, dass der Täter, dessen Identität erst sehr kurz vor Schluss enthüllt wird, eigentlich gar kein Gesicht benötigt, um zu funktionieren. Tatsächlich bekommt man den Killer nur wenige Sekunden zu sehen. Es ist viel mehr der Weg dorthin und die damit verbundenen Erlebnisse der beiden Ermittler, die einen trotz kleinerer Handlungs- und Logiklücken so gebannt an den Film binden. Zugegeben, vielleicht wird das Gezeigte (gedreht wurde übrigens nicht in Deutschland, sondern in der Ukraine) ein wenig zu düster und trostlos dargestellt. Als überzeichnetes Symbolbild vom unerfüllten Versprechen neuer Wunder und der nicht unberechtigten Verbitterung einer ehemals von Mauern umschlossenen Bevölkerung gegenüber dem Westen funktioniert Freies Land aber sehr gut. Und dieses Gefühl hat Alvart mit seinem Film letztendlich überaus gelungen eingefangen. 

Die Blu-Ray

Im Heimkino entpuppt sich Freies Land für mich als gespaltenes Schwert. Auf der einen Seite gelingt es der Blu-Ray, den stark stilisierten und dementsprechend nachträglich bearbeiteten Look zwischen zwischen Braun- und Grautönen farblich sauber wiederzugeben. Andererseits neigt die Blu-Ray besonders in dunklen Szenen stetig zu leichtem bis mittelschweren Crushing. Sehr deutlich sichtbar wird das unter anderem in der Kneipenszene ganz zum Schluss. Wenn Stein dann vor dem Weg zurück nach Hause an der Hotelrezeption auscheckt, zeigen sich zusätzlich unschöne Kompressionsprobleme. Man merkt der Blu-Ray an, dass sie mit den harten Kontrasten oft überfordert ist. Generell kommt es in schlecht beleuchteten Innenarealen immer wieder zu Qualitätseinbrüchen. Außenaufnahmen wirken dagegen fast durchgehend knackig scharf, besonders die Szenen aus der Vogelperspektive bestechen durch und durch. Wenn die beiden Ermittler jedoch am Fundort der Leichen eintreffen, erkennt man in der oberen linken Ecke kurz einen total verzerrten Horizont, dem bis zum Abspann weitere Randunschärfen folgen sollen. Das alles wirkt sich relativ unschön auf die Gesamtqualität des Films aus, der unter einem anderen Szenario dafür deutlich mehr Federn in der Endnote hätte lassen müssen. Hier bleibt eher die Frage offen, was davon gewollt ist und was nicht. 

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Den ausschließlich deutschsprachigen Originalton liefert EuroVision vorbildlicherweise als verlustfreie Masterspur. Auf hörbaren Raumklang darf man sich vor allem während der Außenaufnahmen einstellen. Immer wieder wird das von winterlicher Nasskälte heimgesuchte Dorf durch gelegentliches Vogelgeschrei aus seinem sonst so leisen Schneewittchenschlaf gestört, was in ein paar gut platzierten Effekten resultiert, die diese trügerische Ruhe immer wieder gekonnt aufbrechen. Eröffnet der Killer im Finale dann das Feuer auf die Polizisten, kommt das ebenfalls optimal zur Geltung. Zur minimalistisch-melancholischen Stimmung trägt auch der chorale Soundtrack vieles bei, der im Heimkino noch den größten Raum einnimmt. Abstriche muss man dafür bei der allgemeinen Dialogverständlichkeit hinnehmen. Nicht, weil hier schlecht abgemischt wurde, sondern weil viele der Einwohner und speziell Markus Bach eher zu leisen, genuschelten Tönen neigen. Gemessen am Referenzpegel sind aber allenfalls kleine Nachjustierungen notwendig. Ein klassischer Fall von "Tut, was er soll". Viel mehr würde der Atmosphäre des Films tatsächlich eher schaden. Komplett zu vernachlässigen kann man dafür die Bonusausstattung der Blu-Ray. Mehr als den Trailer zum Film sucht man hier leider vergebens, weshalb wir uns den sonst gesonderten Absatz dazu ausnahmsweise sparen können. 

Fazit 

55957770 2311144785603906 1491509483245928448 o"Obwohl sich Christian Alvart den Vorwurf gefallen lassen muss, das spanische Vorbild von 2014 teilweise eins zu eins in Bild und Dialog kopiert zu haben, ist ihm mit Freies Land dennoch eine sehr gelungene Adaption gelungen, welche besonders durch seine düstere Atmosphäre und seine zu Höchstleistungen aufspielenden Darsteller aber immer wieder eine effektive Eigendynamik entwickelt, der man sich kaum zu entziehen vermag. Deswegen sollten auch Kenner des Originals dem Film eine Chance einräumen. Geographisch und inhaltlich zwar nicht immer ganz korrekt und stellenweise sogar arg überzeichnet, haben wir es hier dennoch mit einem der spannendsten Kriminalfilme Made in Germany der letzten Jahre zu tun. Schade, dass sich die dazugehörige Blu-Ray in Sachen Qualität eher sprunghaft zeigt und brauchbare Extras komplett vermissen lässt. Hier wäre sicher mehr drin gewesen." 


Die hier veröffentlichte Meinung stellt lediglich die Meinung des Autors dar und muss nicht zwangsläufig auch die von Wrestling-Point.de, M-Reviews und allen unterstehenden Mitarbeitern sein.
   
                                                 ©2020 Wrestling-Point.de/M-Reviews

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